Seite 99 - Interview mit Thomas Knip

Letzte Woche hatte ich ein Interview mit dem "Erfinder" von Seite 99 - angekündigt hier ist es:

Hallo Thomas, eigentlich wollte ich Dich ja zu einem anderen Thema interviewen, aber letzte Woche bist Du dann mit einem neuen Projekt an den Start gegangen –- Seite 99.
Ich weiß ja, dass Du schon seit einiger Zeit mit der Idee spielst, Bücher von Indie-Autoren zu präsentieren. Magst Du bitte kurz beschreiben, wieso es gerade dieses Konzept geworden ist -– war das eine spontane Idee, oder von langer Hand geplant?

Die Überlegungen, für Autoren eine Art Kiosk zu schaffen, beschäftigen mich seit über einem Jahr. Mich hat aber kein Konzept wirklich zufriedengestellt.
"Seite 99" ist hingegen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entstanden. Auslöser dafür war der Krimiautor Belá Bolten, der eine Leseprobe von Seite 99 seines neuesten Romans veröffentlicht hat. Er hatte sich durch eine These des britischen Autors Ford Madox Ford inspirieren lassen, die Seite 99 eines Romans zu lesen, um sich von ihm ein Bild zu machen.
Eine Seite mitten aus der Handlung biete einen besseren Einblick in die Qualitäten eines Autors – und damit auch in den Roman.
Bei mir stieß diese Idee sofort auf fruchtbaren Boden, da ich mich selbst durch einleitende Leseproben ungern durchquäle. Aufschlagen, reinlesen, überzeugen lassen.
Also habe ich noch in derselben Nacht die Domain www.seite-99.de reserviert, am nächsten Vormittag war sie freigeschaltet, und noch am selben Abend hatte ich die fertige Seite samt der ersten Leseproben vorliegen.
Die Startseite von Seite 99
Wo siehst Du die Vorteile von Seite 99 im Vergleich zu anderen Ideen wie z.B. Blindbuch etc.?

Beide Begriffe zeigen schon den wesentlichen Unterschied. Ich will wissen, wie ein Roman heißt und wer ihn geschrieben hat. Das Konzept von Blindbuch erscheint mir so, als hätte jemand in einer Buchhandlung auf den Verkaufsauslagen von allen Taschenbüchern das Cover und die Titelei abgerissen– für mich kein anregender Gedanke, der mich zum Lesen reizt.
Zudem liebe ich aufgelockerte Internetseiten. Und nichts eignet sich dafür besser als die bunten Akzente durch Covermotive. Reine Bleiwüsten habe ich schon in alten Lehrbüchern.

Wer kann mitmachen? Das eine VÖ des Titels erforderlich ist, ergibt sich ja schon aus dem Konzept der Plattform >> Lesen >> gut finden >>kaufen.

Mitmachen können alle, die einen Roman veröffentlicht haben. Und dieser Roman auch noch erhältlich ist. Vorrangig richtet sich die Seite natürlich an Self-Publisher, aber selbstverständlich eben auch an Verlagsautoren. Kleinverlage sind gerne gesehen – es darf dann aber keiner erwarten, dass ich einen Bulk von vielleicht 100 Titeln auf einmal abarbeite … ob große Verlage das Angebot nutzen wollen, wird sich zeigen. Ihre Autoren dürfen ihre eigenen Romane selbstverständlich gerne anmelden.

Wie werden die Titel gefunden werden? Im Augenblick ist ja noch recht überschaubar und man kann noch gut nach unten scrollen.

Die Seite bietet mehrere Möglichkeiten, Titel zu finden. Alle Romane sind in bis zu zwei Kategorien einsortiert. Dazu ist jeder Roman mit Stichwörtern versehen, die inzwischen schon zu einer aussagekräftigen Tag Cloud geführt haben.
Auf der Startseite kann man auswählen, ob man sich die letzten Einträge anzeigen lässt, die populärsten oder ob man nach Zufall einfach durchstöbert.
Und, natürlich hat die Seite auch eine klassische Suchfunktion.

Autoren zu finden, die ihre Leseproben posten, dürfte nicht allzu schwierig sein. Aber wo bekommst Du die Leser her?

Die Leser zu erreichen, ist das entscheidende Ziel, um die Seite langfristig bekannt zu machen. Was mich ermutigt, sind Aussagen von Autoren, die sich selbst an anderen Leseproben festgelesen haben. Jeder Autor ist "privat" schließlich auch ein Leser.
Das Konzept und der Titel von Seite 99 sind griffig. Man weiß sofort, was damit gemeint ist und kann selbst entscheiden, ob einen das reizt oder nicht. Es wird Leser geben, die gerne von vorne in einen Roman reinlesen, und es wird welche geben, die einfach mal mittendrin reinschnuppern wollen.

Wenn ich das richtig sehe, wirst Du die Plattform, bzw. auch Deine Arbeitszeit, über die Amazon-Verkäufe finanzieren.

Richtig, im Augenblick sind Links zu den jeweiligen Titeln bei Amazon die einzige Einnahmequelle. Wenn es gelingt, durch die Leseprobe einen Leser zu begeistern, dass er den Titel kaufen will, zeigt es mir, dass das Konzept funktioniert – und ich meine Arbeitszeit sogar bezahlt bekomme.

Wie ist die Resonanz und was hat Du für die Zukunft geplant, wird es z.B. kostenpflichtig werden, wenn man seine Titel einstellt, oder verkaufst Du Sichtbarkeit auf der Startseite, bzw. in auf den Genre-Seiten?

Die Resonanz (von Autoren) war nach dem ersten Wochenende überraschend groß und positiv. Mit so viel Rückmeldung und Anmeldungen hätte ich nicht gerechnet. Ich bin jetzt noch dabei, den Stapel von vorgestern abzuarbeiten.
Es wird nie plakative Werbung auf der Seite geben. Sollte sich meine Arbeitszeit durch die Einnahmen aus den Partnerlinks (neben Amazon bereite ich gerade noch einen weiteren Shop vor) rechnen, würde es mich freuen.
Ob ich das Hochladen von Leseproben kostenpflichtig mache, muss ich noch sehen. Im Augenblick ist es nicht vorgesehen. Plätze auf der Startseite kaufen wird man sich nicht können. Was ich noch in Vorbereitung habe, sind längere Autorenportraits, mit denen sich Autoren ausführlich auf einer eigenen Seite vorstellen können.

Das klingt richtig gut. Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch, Thomas.