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Lektorat? Ja bitte

Kindle Direct Publishing geht ins fünfte Jahr und in schöner Regelmäßigkeit taucht in einer gewissen Facebook-Gruppe und in anderen Foren die Frage nach dem Sinn und Zweck eines Lektorats auf. Profi-Autoren rollen dann für gewöhnlich mit den Augen. Möchtegern-Schreiberlinge erklären mitunter sogar vollmundig, dass sie ihre Texte selbst lektorieren würden, teilweise hält diese Vorgehensweise dann sogar Einzug ins Impressum. Oft gilt auch folgendes als "Lektorat": Man hat die Rechtschreibprüfung drüber laufen lassen oder die Omi hat's gelesen – oder Testleser, doch dazu später mehr.

Nachdem nun Anja Bagus, eine selbstpublizierende Autorin, vor einigen Tagen in einem Blogbeitrag darüber schrieb, warum ein Lektorat kein "Qualitätsmerkmal" für ein Buch sein sollte – der als ziemliches Wischiwaschi geschriebene "Gegen"-Blogpost von Karla Paul folgte kurz darauf
und schon war in den Social Media eine Schlammschlacht im Gange – möchte ich einmal etwas Butter bei die Fische tun, wie wir hier im Norden sagen. Dafür werde ich einzelne Punkte aus Anjas Blogpost aufgreifen und die üblichen Argumente der Selfpublisher, die sich lieber auf Amateur-Niveau
durch die Autoren-Welt bewegen wollen. Wobei ich klarstellen möchte: Es geht mir nicht um Elitedenken, wie es vielen Verlagsautoren eigen ist. Es ist nichts Verkehrtes an einem schönen Hobby ist und auch der Amateur-Status ist nichts Anrüchiges.
Aber wenn man auf diesem Level schreiben und veröffentlichen will, dann muss man sich auch Kritik gefallen lassen – von Kollegen, die sich professionalisiert haben und von Lesern – ja, gerade von Lesern, denn die erwarten von einem Buch, für das sie Geld bezahlt haben, dass es die üblichen Anforderungen erfüllt.
Ich höre schon die Einwände: Verlagsbücher haben auch oft kein gutes Lektorat.
Stimmt. Das kommt vor. Aber das ist kein Argument.
Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Wie kann man Monate seiner Arbeitszeit in sein Buch stecken und dann nicht das Optimum aus seinem Text holen wollen?


Ein Lektorat sollte kein Qualitätsmerkmal für ein Buch sein

Das ist Bullshit. Ein gutes (!) Lektorat ist genauso ein Qualitätsmerkmal für ein Buch wie ein stimmiges, professionell aussehendes Cover, ein sorgfältiges Korrektorat und ein anständiges Layout.

Ich will nicht, dass der Lektor mein Buch so verändert, dass ich es nicht wiedererkenne

Ein guter Lektor wird das nicht tun, er hat andere Wege der Selbstverwirklichung und muss einem Text nicht seinen Stempel ausdrücken. Ein Lektor macht Vorschläge, wie ein Text besser wird. Es betrifft dabei nicht nur den Plot und die Figuren, sondern auch die Lesbarkeit, Logikfehler, stilistische Feinheiten etc. – kurz, es geht darum, dass das, was man sagen will, dem Leser ohne Stolperfallen verständlich vermittelt wird.
Kein Autor ist gezwungen diese Vorschläge zu übernehmen. Aber er täte gut daran, darüber nachzudenken, bevor er sie verwirft.

Ich habe kein Geld für ein Lektorat

Jeder hat andere Prioritäten und niemand ist dazu verpflichtet. Aber wer sein Buch unlektoriert – und meistens auch unkorrigiert – auf den Markt wirft, sollte sich nicht wundern, wenn ihm nicht nur Lob entgegenschallt. Außerdem muss es nicht gleich ein umfassendes Lektorat sein, auch ein erweitertes Korrektorat kann u. U. schon sehr hilfreich sein. Es gibt auch Lektoren, die Ratenzahlung anbieten. Einfach mal fragen, das kostet nichts.

Das Buch muss sich ja für mich rechnen

Stimmt. Aber nicht nur für den Autor, sondern auch für den Leser, denn der bezahlt schließlich dafür.
Was viele vergessen: Autoren sind Freiberufler und zum Freiberuflertum gehört auch, zu investieren. Und ja, es besteht ein gewisses Risiko. Jedes neue Buch ist ein Risiko – für den Verlag und auch für den selbstpublizierenden Autor. Wer diesen Weg nicht gehen will, sollte sich einen Verlag suchen, der das Risiko, dass ein Buch floppen könnte, übernimmt.

Lektoren ziehen den Selfpublishern das Geld aus der Tasche

Ein Lektorat ist eine Dienstleistung, und wie jede andere Dienstleistung auch muss sie angemessen bezahlt werden. Aus welchem Grund sollten Lektoren für Selfpublisher Dumpingpreise machen? Ansonsten ist diese Behauptung einfach nur unverschämt. Punkt.

Ich habe schlechte Erfahrungen mit einem Lektor/Lektorat gemacht, deshalb ist das nichts für mich

Yep, hab ich auch schon. Richtig üble sogar. Ich war an eine Verlags-Lektorin geraten, die in der Branche den Ruf hat, schon mehrere Autoren zerstört zu haben. Ich konnte viele Jahre den Text, um den es damals gegangen war, nicht anfassen. Und ein Vertrag mit einem sehr renommiertem Verlag platzte, weil ich nicht eingeknickt bin – nicht einknicken konnte, weil der Preis zu hoch gewesen wäre. Aber ich weiß auch, was ein guter Lektor leistet. Und die schlechte Erfahrung hat mich nur eines gelehrt: vorher genau hinzusehen, ob es "passt".

Ich gebe mein Manuskript meinen Testlesern, ich brauche keinen Lektor

Weil Testleser natürlich den gleichen professionellen Blick auf einen Text haben wie ein Lektor und weil sie nie ihre subjektive Meinung zu einem Text einbringen, oder? Weil sie immer ehrlich sind und natürlich auch jederzeit brauchbare konkrete Verbesserungsvorschläge machen können?
Ich habe mehrere Bücher gelesen, die Testleserunden durchlaufen haben. Es mag sicher Ausnahmen geben, aber die meisten sind wieder von meinem eReader geflogen.

Warum ich nie ein unlektoriertes Buch veröffentlichen werde

Ich bin eine sehr gute Autorin. Ich schreibe und veröffentliche seit fast dreißig Jahren. Meine Bücher und Hörspiele werden in den Feuilletons der großen Zeitschriften besprochen. Ich bin sehr stilsicher, schreibe auf den Punkt, ohne Redundanzen – das haben mir meine beiden Lektorinnen bei Argument/Ariadne bereits vor vielen Jahren versichert. Wer wäre ich, ihre Worte anzuzweifeln. Der Verleger, der meinen letzten Roman und meine Story-Sammlung veröffentlicht hat, hat mir Carte blanche gegeben – soll heißen, wenn ich ihm ein neues Projekt anbiete, wird er es in seinem Verlag veröffentlichen. Da muss man als Autor erstmal hinkommen.
Ich kenne meinen Wert, aber ich weiß auch, dass ein Lektor meine gute Schreibe noch besser machen kann. Ich wäre doch völlig bescheuert, wenn ich Monate, teilweise Jahre, in ein Buch stecke und dann nicht das beste Ergebnis würde haben wollen – für mich und natürlich für meine Leser. Ich will nicht, dass meine Leser über eine Formulierung stolpern. Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin – ein gruseliger Gedanke – ich will mich als Autorin weiterentwickeln, mich ausprobieren. Und auch dabei unterstützt mich ein Lektor. Genauso wie bei der Eliminierung echt dusseliger Fehler, die mir genauso wie jedem anderen Autor passieren.

Abschließend möchte ich noch Folgendes sagen: Ich kenne und schätze Anja Bagus als Autorin. Ich habe mit ihr an ihrem Beitrag für den "Fantasy & Science Fiction Almanach" gearbeitet und ich denke, sie weiß, dass ihre Story danach gewonnen hat und runder war. Sie brennt für ihr Aether-Universum, für die Welt, die sie geschaffen hat. Umso unbegreiflicher ist es mir, warum sie nicht das Beste für ihre Romane will.

Für alle, die sich fragen, wie eigentlich ein Lektor arbeitet, hier der Link zu einem kleinen Blogpost, den ich vor einiger Zeit hier veröffentlicht habe: Wie arbeitet eigentlich ein Lektor?

©Myra Çakan - 2016

Kommentare

Peter Hakenjos hat gesagt…
Aua, das Blog tut weh! Wer ernsthaft am Sinn eines Lektorats zweifelt, kann durchaus als naiv bezeichnet werden und naiv sind die wenigsten der Selbstverleger. Nur: Um ein professionelles Buch - ob Sachbuch oder Roman spielt keine Rolle - zu veröffentlichen, braucht es: Ein Lektorat = 1500 Euro, ein Korrektorat = 500 Euro, ein Cover = 400 Euro, Marketing = 1000 Euro. Entschuldigung, wenn ich das Sie so offen frage: Frau Cakan, ist es nicht zynisch, Ratenzahlung für das Lektorat vorzuschlagen? Sollen die Autoren sich ohne oder mit äußerst geringer Erfolgsaussicht verschulden? Die meisten von uns würden sich für ihre Veröffentlichungen einen großen und finanzstarken Verlag wünschen, denn wir wissen sehr wohl, wie wichtig die ganzen mit einer Veröffentlichung verbundenen Dienstleistungen sind. Jedoch zu glauben, ein gutes Manuskript fände auch einen Verlag oder gar ausreichend Leser, ist mehr als blauäugig. Nur der Umkehrschluss trifft zu: Ein schlechtes Manuskript findet auf keinen Fall Aufnahme - es sei denn man hat besondere Beziehungen oder einen großen Namen. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Markt der Selbstverleger in der Zukunft durch steigende Qualität und Dumpingpreise dem traditionellen Verlagswesen und dem Buchhandel das Fürchten beibringen wird. Artikel wie der Ihre sind dafür kaum zielführend, weil sie den Kern des Problems nicht behandeln.

Symone Hengy hat gesagt…
Hallo Myra,

ich sehe das genau wie Sie. Es kommt wahrscheinlich immer darauf an, in welcher Liga ein Autor mitspielen will. Macht er es allein für sein Ego, dann mag seine Leistung für sich genug sein. Schreibt er aber für echte Leser, dann ist es seine Pflicht, eine gute Qualität zu garantieren.
Jeder Verlag "leistet" sich einen Lektor. Warum sollte dieser Posten für einen Autor, der sich selbst verlegt, rausgeschmissenes Geld sein?
Wenn ich einen Einbauschrank möchte, gehe ich zum Schreiner. Wenn ich ein neues Dach brauche, gehe ich zu einem Dachdecker ...
Und auch beim Lektorat verlasse ich mich lieber auf einen Profi.
Ich würde ja auch nie mit einem selbstgeschneiderten Kleid über den roten Teppich schlendern. Ganz egal, wie toll der Stoff ist.
Myra Çakan hat gesagt…
Ich weiß jetzt nicht, wo Sie Ihre Zahlen her nehmen, aber egal.
Sie finden es nicht gut, dass ein angehender Autor in Vorleistung gehen soll? Jedes Hobby kostet Geld. Nur wollen Sie das Schreiben nicht als Hobby ausüben, da Sie von "Erfolgsaussichten" schreiben. Wie passt das zusammen? Nicht in Vorleistung gehen zu wollen , aber ein Produkt auf den Markt zu werfen, welches vermutlich mangelhaft ist – für das andere aber Geld bezahlen sollen.

Was Ihre Frage anbelangt: Wieso ist denn zynisch, wenn Lektoren Self Publishern Ratenzahlen anbieten? Das ist doch ein Entgegenkommen.

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