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Amazon: eine E-mail, Jubel, Ernüchterung und Fragen

Gundel Limberg schreibt Science Fiction und Fantasy und sie schreibt gut, das kann ich bezeugen, da ich ihre Texte immer wieder gerne lese. Leser des eZines xtme:phantastik konnten sich übrigens auch von ihrem Erzähl-Talent überzeugen, denn sie ist in beiden Ausgaben mit jeweils einer Story vertreten.
Obwohl populär ist SF&F, bis auf wenige verkaufsstarke Titel, im SP nach wie vor ein Nischengenre und kann nicht mit Thriller/Krimi oder ChickLit gleichziehen, wenn es um Verkaufszahlen geht.
Als ich erfuhr, dass einer von Gundels Titeln von Amazon für eine Promotion-Aktion ausgewählt worden war, war ich natürlich gespannt, wie sich das Buch einer recht unbekannten Self Publisherin schlagen würde und ob die massive Promotion die anderen Titel mit nach oben spülen würde. Da ich außerdem immer auf der Suche nach interessanten Artikeln bin, bat ich die Autorin einen Gastbeitrag zu schreiben. Hier ist er:

Ein Topf voller Gold am Ende des Regenbogens?

Eines Tages hatte ich eine Mail von Amazon im Postfach, die mich über eine geplante Preisaktion für Selfpublisher informierte – eine, bei der eins meiner Bücher dabei sein sollte: Meleons magische Schokoladen.
Zwar ging ein Kribbeln die Wirbelsäule rauf und runter, aber ich brauchte dann noch eine glatte halbe Stunde, bis ich realisierte, was da in meine Mailbox geflattert war: Die Wunschfee in persona. Und das, ohne dass ich gewünscht hatte.
Klar – ich hatte natürlich gehofft, dass meine Bücher sich immer besser verkaufen, Bestsellerstatus erlangen und mich reich machen, so, wie die Werke jener Schriftstellerin, die ein Schloss in Schottland ihr Eigen nennt. ☺
Weitere Mails legten die Details fest und zweierlei wurde klar: a) Ich würde mit wenigen anderen Autoren von einer zweiwöchigen Amazon-Promotion profitieren. b) Zeitgleich (und nicht mehr zu verschieben) würde mein nächstes Buch herauskommen. Dieses Buch würde kaum einen positiven Haloeffekt erleben. Im Gegenteil. Erstens würde es unter meinem anderen Pseudonym herauskommen und zweitens würde ich damit gegen mich selbst antreten: Beide Bücher gehören in die Kategorie Fantasy.
Trotzdem konnte kein Zweifel bestehen: Das Ganze war eine tolle Chance.
„Meleons magische Schokoladen“ zierten seit November 2012 die virtuellen Regale im Kindle-Shop. Das Buch hatte sich im Weihnachtsgeschäft wacker geschlagen und bis März einige Einnahmen in meine Kassen gespült – aber von den Top 100 hatte es sich weitgehend ferngehalten. Ab März waren die Verkäufe zurückgegangen und im Mai ganz plötzlich ins Leere gestürzt. Trotzdem fand ich 37 Rezensionen mit einem Schnitt von 4,2 Sternen einen schönen Beweis, dass romantische Fantasy, die im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, durchaus Leser finden kann.
Nun kam KDP und plante diese KDP-Select-Aktion. Wie froh war ich, dass ich mein Häkchen gesetzt gelassen hatte – nicht in andere Shops gegangen, sondern auf die Vorteile des Exklusiv-Programms von Amazon gesetzt hatte. Das lag hauptsächlich daran, dass ich ein Fan der Pareto-Regel bin. Konzentriere dich auf den Ort, an dem 80% der Umsätze gemacht werden. Oder mehr.
Je näher der Tag rückte, desto mehr Adrenalin wurde in meine Blutbahn gepumpt.
Am 13. August startete die Aktion. Der Preis war entsprechend auf 0,99 € gesenkt. Nach Mitternacht begutachtete ich, wie das konkret aussah: schön – ein Slider mit Ebook-Covern und darüber eine Ankündigung reduzierter Sommerlektüre.
Am nächsten Morgen um 9:00 Uhr stand „Meleon“ immer noch wie festgeklebt auf Platz 64.000.
Oh.
Glücklicherweise musste ich zur Arbeit und konnte einige Stunden lang keine Sorgen wälzen.
Um 17:08 Uhr stand „Meleon“ auf Platz 11 in Kindle-Shop>bezahlt und auf Platz 1 in Fantasy.
Da hält das Herz dann doch mal für den Bruchteil einer Sekunde inne, um mit einem Doppelschlag wieder einzusetzen.
Ein Blick in die Auflistung der verkauften Exemplare: ein zweites, ganz kurzes Stolpern der Pumpe: 704 Stück waren seit dem Morgen über den virtuellen Ladentisch gegangen.
Also Sekt, hochrechen, was 700 Stück täglich so einbringen, Arbeit kündigen?
Nein, ein Cocktail und etwas Ernüchterung. Die folgenden Tage immer noch schöne Ränge, aber Tendenz fallend. Von 700 konnte keine Rede mehr sein. Die Hauptgruppe jener, die auf Aktionen achten, hatte wohl bereits am ersten Tag gekauft.
Einen Tag später ging Drachenmord an den Start. Ertrag an diesem Tag: drei verkaufte Exemplare.
Da freut man sich doch.
Glücklicherweise hatte ich vorausschauend die Kategorie Belletristik>Humor gewählt, denn „Drachenmord“ wird von seinem selbst-ironischen Ich-Erzähler bestimmt. So konkurrierte das Ebook weniger mit „Meleon“.
Was geschah dann?
„Meleon“ bewegte sich langsam aber unaufhaltsam in den Top 100 nach unten, fing sich wieder, rutschte wieder, fing sich wieder … „Drachenmord“ wurde durch ein Gewinnspiel auf xtme.de gut unterstützt und begann zu steigen. Trotzdem lagen Welten zwischen den beiden Rängen.
Und so steht es, während ich diesen Beitrag schreibe: „Meleon“ macht Jojobewegungen zwischen #60 und #70 (= Fantasy 7), „Drachenmord“ zwischen #500 und #700.

Bin ich glücklich? You bet!
Und das Denken setzt langsam auch wieder ein. Fragen entstehen.
Warum hat das Ebook „Meleon“ die Printausgabe „Meleon“ praktisch gar nicht mitgezogen, aber dafür das Ebook „Meister der Zeit“, obwohl es noch das alte, hässliche Cover hat?
Offenbar ist der Kindle-Shop ein ganz eigenes Biotop. Und wer keinen Reader hat, der wird vom Sog nicht erfasst.
Wie groß ist die Leserschaft für Fantasy, die mit einem Reader ausgestattet ist?
Rechenschieber rausholen, kalkulieren: feststellen: Es bleibt unwägbar.
Viele Fragen bleiben. Je mehr man mit dem großen Drachen Amazon und seinem SP-Stadthalter KDP zu tun hat, desto mehr möchte man wissen, beeinflussen können, desto mehr Zahlen und Konversionen und ROI spuken einem durch den Kopf.
Aber dann rückt das Zahlenspiel in den Hintergrund. Jetzt heißt es schreiben. Vor der Aktion: Schreiben. Nach der Aktion: Schreiben.
Das ist genau wie mit der Erleuchtung. Und das waren jetzt schon mal Licht-erfüllte, Leser-reiche Tage.
Michael Meisheit hat zu mir gesagt, er wünsche jedem von uns selbst-veröffentlichenden Autoren, das auch mal zu erleben, die Plätze da oben - ich habe es erlebt und schließe mich seinem Wunsch an. Liebe Kollegen im Schreiben: Live long and PROSPER!
(Gundel Limberg)

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